Wenn der Mond deinen Alltag bestimmt
Trébeurden in der Normandie ist
uns noch besonders in Erinnerung – ein ziemlich schwarzer Tag in der Agenda.
Die Wettervorhersage behielt nicht Recht und wir wurden mit 2,5 Meter hohen
Wellen, 5-7 Beaufort und starkem Strom konfrontiert. Und das Zermürbendste am
Ganzen: In der zweiten Tageshälfte mussten wir gegen Wind, Wellen und Strom
ankämpfen, weil wir alles gegenan hatten. Es schlug uns unter Motor und
Stützsegel nur noch so herum und wir machten kaum Fahrt. Der Elbe-Tag kam uns
sofort in Erinnerung. Inzwischen wussten wir besser mit der Situation
umzugehen. Das wär ja alles auch irgendwie gegangen, hätten wir nicht gewusst,
dass unser nächster Stopp ein Tidehafen ist, der nur bei Hochwasser angelaufen
werden kann. Dazwischen hatten wir keine weiteren Möglichkeiten. Wir mussten da
also durch und zwar so schnell wie möglich. Erreichen wir Trébeurden nicht
rechtzeitig, geht die Fahrt so weiter, unter Umständen über Nacht. Eine
unruhige und zermürbende Angelegenheit.
Leichte Verzweiflung machte sich breit. Ich wollte Gewissheit, ging hinunter, griff zum Telefon und wählte die Nummer des Hafens. Während des Telefonats schlug es mich von einer Seite zur anderen und ich verstand kaum ein Wort. Trotz allem konnte mir die Capitainerie den alleräussersten Zeitpunkt für unseren Tiefgang bekannt geben. Deadline war 20.35 Uhr. Stundenlang trieb es uns vor der Insel, stundenlang dasselbe Bild. Ich glaube, ich hätte diese Felskuppen bald blind zeichnen können. Die Minuten verstrichen, die Insel blieb hartnäckig vor unseren Augen. Wir machten kaum Fahrt. Einfach nur zermürbend und frustrierend. Gegen 18 Uhr wechselte der Wind endlich seine Richtung, so dass wir Segel setzen konnten. Auch der Strom kenterte und bot uns seine Hilfe an. Um 20.25 Uhr erreichten wir total erschöpft, jedoch erleichtert, Trébeurden.
Ile d’Ouessant
Diese
traumhafte Insel liegt gerade mal 20 km vom Festland entfernt und zwar in Höhe
von Brest. Sieben Kilometer lang und 4 km breit erstreckt sich diese grüne und eindrückliche
Insel. Mehr als 50'000 Schiffe legen jährlich in Ouessant an. Auch wir zählen
uns dazu, lagen wir doch an einer Mooring in der traumhaften Bucht von Baie du
Stiff..
Zu Fuss marschierten wir am nächsten Tag los. Auch Wind und Regen konnten uns
nicht davon abhalten, diesen mystischen Flecken Erde zu entdecken.
Traditionell, das Meer spielt bei diesen Insulanern eine wichtige Rolle. Im
Alter von 11 Jahren schickte man die Jungs auf See. Der Innen- ausbau der
Häuser: Nicht weniger als ein paar Holzleisten – dies soll das Innenleben eines
Schiffes symbolisieren. Ein einfacher Kocher, ein Tisch, ein paar Stühle und
einige Töpfe mit Blumen stellen den Wohnraum dar. Aussen sind die Häuser in
symbolischen Farben gestrichen: blau und weiss für „Virgin Mary“ und grün und
weiss für die Hoffnung. Vor dem Haus haben viele ein kleines Wiesenfeld und
darauf ersetzen ein paar Schafe den Rasenmäher! Das Lustige daran war; die
Bewohner mühen sich nicht extra ab und bauen rund um diese Felder Zäune so wie
wir. Nein, sie legen die Schafe einfach an eine Leine, setzen einen Poller in
die Wiese und „that’s it“. Auch das mühsame Einsammeln der Schafe ist somit vom
Tisch. Dann steht da vielleicht noch ein altes, verrostetes Auto und
selbstverständlich ein Garten zur Selbstversorgung. Die alten Frauen schnitzten
Kreuze in Erinnerung an ihre Ehemänner, die von der See nie zurückkehrten.
Ile d’Ouessant ist wahrlich abgeschnitten vom Rest der Bretagne. Und
tatsächlich leben hier die meisten noch auf diese einfache und traditionelle
Weise. Für uns war das unglaublich eindrücklich. Uns wurde einmal mehr bewusst,
wie arg wir bereits im Überfluss leben und wie wenig es braucht, um glücklich
und zufrieden zu sein.
Camaret sur Mer
Am 16. August zogen wir weiter Richtung Camaret. Camaret liegt etwas unterhalb von Brest. Doch der Tag bescherte uns keinen gediegenen Segeltag. Im Gegenteil: Hohe Wellen, dichter Nebel und zügiger Wind begleiteten uns. Einmal mehr ein Tag wie im Schüttelbecher. Doch wir kriegten einen Aufsteller. Plötzlich tauchten wie aus dem Nichts 5 bis 6 Delphine auf und zischten vor unserem Bug durch. Wir hatten die nötige Geschwindigkeit, so dass sie unsere Bugwelle nutzten, um mit der entsprechenden Sogwirkung gleiten zu können. Sie sprangen auf und tauchten wieder unter und wir sahen nur noch den weissen Bauch unter der Wasserlinie. Manchmal kamen sie so nahe, dass man das Gefühl hatte, sie berühren zu können. Über eine halbe Stunde waren wir in Begleitung dieser faszinierenden und liebenswerten Geschöpfe.
Eine neue Freundschaft
Ein paar Meter von uns entfernt lag ein altes Stahlschiff in ähnlicher Bauweise wie unsere Goda Ferd an einer Mooringboje. Ein altes herziges „Mannli“ kam ab und zu zum Vorschein und winkte uns zu. Einen Tag später paddelte er mit seinem Dinghi zu uns rüber und eine Freundschaft begann seinen Lauf...
Claude Massiot lebt seit seiner Geburt in der Bretagne. Wir lernten also einen echten Bretonen kennen. Mit 27 Jahren fing er, zusammen mit seiner Frau, an zu segeln. Ein Jahr lang waren sie mit ihrem 1. Schiff unterwegs in die Karibik. Beide unterrichteten an einer Schule; sie Primar- und er Sekundarschule. Seit ein paar Jahren geniessen sie ihren Ruhestand. Leider begleitet ihn seine Frau nicht mehr, sie habe mit dem Segeln abgeschlossen. So segelt er jedes Jahr über die Sommersaison alleine los und das im Golf von Biskaya, in diesem ruppigen Gebiet, im Alter von 70 Jahren und das auf einem Schiff in traditioneller Weise, wo man die Segel vorne beim Mast bedienen muss. Für uns sehr beeindruckend und bewundernswert.
Gemeinsam mit ihm segelten wir ein paar Tage später weiter nach Bénodet und Lorient. An den Abenden genossen wir Apéritifs bei ihm oder bei uns an Bord. Durch ihn erfuhren wir eine Menge über die Bretagne, über die Geschichte von Frankreich, vor allem zur Zeit des 2. Weltkrieges, den er ebenfalls miterlebte und auch über das Segelrevier am Golf von Biskaya. Er schenkte uns zwei alte Seekarten aus dem Jahre 1914, weil wir nur Überseglerkarten von diesem Gebiet besitzen. Übrigens, er segelt heute noch nach diesen alten Karten, unglaublich. Andere kaufen sich jähr-lich die neuen Serien, doch Claude braucht das nicht, er kennt das Gebiet wie seine Hosen-tasche. Da spielt es keine Rolle, wenn sich eine Sandbank etwas versetzt hat. Nach einer Woche verabschiedeten wir uns von Claude.
Gezeiten - der Freiheitsentzug
Das Gezeitenrevier hat uns enorm herausgefordert. Viel von uns abverlangt. Und oft unseren "Alltag" bestimmt. Häfen können nur zu bestimmten Zeiten angelaufen werden, der Wasserstand verändert sich bis zu 12 Meter und die See ist oft bissig und unberechenbar. Dazu kommt der Strom, der uns oft an den Rand der Verzweiflung brachte. Es war für uns eine sehr lehrreiche Zeit, doch schätzen wir ganz klar die gezeitenlosen Reviere, ohne Stress und aufwändigen Berechnungen. Hier in der Normandie und Bretagne bestimmt der Mond deinen Tag und nicht etwa du selbst. Und das hat uns missfallen. Wir bestimmen gerne selbst unseren Weg.
Über die Bretagne
Das Wetter ist sehr rau und stürmisch. Die Luftfeuchtigkeit ist extrem hoch, unser Mahagoni-Aufbau leidet unter diesem Klima. Die Bewohner sind viel freundlicher und offener als in der Normandie. Auch was die Sauberkeit und Ordnung angeht, könnten sich die Normanden ein Stück von den Bretonen abschneiden. In der Normandie sah man überall Abfall, auch im Wasser.
Was wir ebenfalls nicht wussten, die Bretonen sprechen zwei Sprachen – französisch und bretonisch. Die Ortstafeln sind an vielen Orten noch auf beide Sprachen angeschrieben, doch laut Claude Massiot weiss nur noch die ältere Generation sie zu sprechen. Die bretonische Sprache stammt aus dem Keltischen und entstand aus früherer geschichtlicher Zeit im Zusammenhang mit Schottland, Irland, Cornwall und Wales. Die Bevölkerung war sehr arm; einzige Exportgüter oder Existenzgüter waren zur damaligen Zeit Eisen und Kartoffeln. Doch der Hochadel vergab die Güter lieber an England, um Geld zu machen, anstatt sie der Bevölkerung abzugeben. So geschah es, dass über 1,5 Millionen Menschen armselig verhungerten.
Gegessen wird in der Bretagne ganz klar Muscheln. Diese werden traditionellerweise mit Pommes frites serviert – ein Brauch, den sie von Belgien übernahmen. Und nicht zu vergessen die berühmt-berüchtigten Crèpes! Zuhause werden sie als Hauptmahlzeit genossen mit dem Inhalt wie Saucissons, Schinken oder Gemüse und zum Dessert die süssen Crèpes mit Bananen, Marmelade oder Zucker. In der Öffentlichkeit werden meist nur die Süssen serviert. Ganz typisch sind natürlich die Baguettes. Ein Franzose ist schlichtweg kein Franzose, wenn er nicht mit dem Baguette unter dem Arm herumläuft. Und das ist auch hier in der Bretagne nicht anders.