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Ligurien

Das Tor zum Mittelmeer

Von Bordeaux nach Sète via Kanäle

Die Kanäle und Flüsse des MIDI sind die vom Flusstourismus am häufigsten genutzten Wasserstrassen Frankreichs. In der Tat traf dies auch in der Nebensaison zu; wir begegneten unzähligen Hausbooten, die von Engländern, Franzosen, Spaniern und vor allem vielen Schweizern gechartert wurden.

 

Der Canal latéral à la Gironne wurde zwischen 1838 und 1856 erbaut. Er beginnt in Castets und endet im Mündungsbecken des Canal du Midi in Toulouse. Schiffe mit geringem Tiefgang können auf diesem Kanal vom Atlantik zum Mittelmeer gelangen, statt den langen Umweg über Gibraltar nehmen zu müssen. Einige Seefahrer hatten uns bereits vorher darauf hingewiesen, dass unser Tiefgang ein Problem sein könnte. Im Kanalführer war dieser Kanal mit 1.80 m beschrieben, für uns mit 1.55 m also kein Problem. Trotzdem vergewisserten wir uns im Hafenbüro von Toulouse. Und der redete dann plötzlich von 1.60 m...


Beschaulich fährt man durch die Platanenalleen und durch die Pinienhaine. Die malerischen Brücken, oft mit enger Durchfahrt, geben von der einmaligen südlich geprägten Landschaftskulisse begehrte Fotomotive ab. Man entdeckt den Reiz einer fast unberührten Flusslandschaft mit extrem bewaldeten Ufern, auf dem ganzen Weg erschlossenen Velo- und Wanderwegen und einer interessanten Fauna. Überall kann man wild anlegen, umgeben von Natur und Wasser. Die Hausboote schlagen zum Teil einfach zwei Eisenpfähle in den Boden und machen so fest und das alles gratis. Es gibt nur ein paar wenige kleine Häfen, die vor allem für die Charterfirmen genutzt werden. Leider konnten wir nur selten von den Naturanlegern Gebrauch machen aufgrund unseres Tiefgangs. Übrigens, Duschen und WC-Anlagen sind auf dieser Strecke Marktlücken.


Zahlreiche unvergessliche Eindrücke haben wir hier erlebt. Darunter gehören kleine Schildkröten, Flussbiber, ein nackter Jogger (ja, ich hab zweimal hingeschaut, aber nur, weil ich meinen Augen kaum traute...), Fischreiher, seltene Vogelarten und vieles mehr.

 

Den Abenteuer-Effekt holten wir uns beim Steckenbleiben auf Grund, zum Teil sogar in der Schleuse. Rausbuddeln und rausmanövrieren wurde zur Gewohnheit, peinliche Szenen in Schleusen nichts Ungewöhnliches mehr. Alles in allem war es eine sehr interessante, wunderschöne, aber auch sehr nervenaufreibende Erfahrung. Wir haben 611 km und 121 Schleusen zurückgelegt.

 


Endlich im Mittelmeer!

Von Marseillan nach Sète – Etang du Thau

Endlich spürt unsere Goda Ferd wieder Salzwasser unter ihrem Kiel und vor allem genügend Wasser. Auch wir geniessen es, wieder Meeresluft zu spüren. Der Etang du Thau, ein Zwischengewässer, das mit einem Binnensee zu vergleichen ist, mündet schlussendlich ins Mittelmeer. Wir freuen uns darauf, den Mast stellen und lossegeln zu können. Irgendwann hat man das dumpfe Motorengeräusch satt wie auch die etlichen Male, an denen man mit Armen und Beinen gegen Mast, Holzverstrebung oder Grossbaum knallt!


In Sète konnten wir den Mast stellen und machten die Goda Ferd wieder schiffs- oder besser gesagt segelklar. Am 19. September ziehen wir los Richtung Marseille, mit Halt in Saintes-Maries sur mer und Fos-sur-mer. In der letzten Etappe lernen wir bereits den berühmt-berüchtigten Mistral kennen...

 

 


Der Süden Frankreichs

Der Süden Frankreichs bezaubert mit einer Vielzahl von Bildern und Eindrücken: architektonisch schöne alte Bauten, exzellente Weine zu einem Spotpreis, Sandstrände, heisse, wolkenlose Tage und das immer blaue Mittelmeer. Die Südküste kann aber auch abschrecken und zwar mit den unglaublich hässlichen Wolkenkratzern inmitten der architektonischen Schönheiten!


Leider mussten wir auch feststellen, dass die südfranzösische Küste selten einsame Ankerplätze, kleine Fischerhäfen oder ruhige Tage umfasst, auch nicht bei Nebensaison. Erwartet man relativ unentdeckte Buchten zum Ankern, ist man enttäuscht – sie existieren nicht mehr.


Will man Südfrankreich wirklich entdecken, muss man sich der dortigen Lebensart und dem typischen Flair unter den Wassersportlern anpassen. Das Leben an der Küste kann man entspannt in einer Bar oder einem Restaurant geniessen, denn Essen und Trinken sind ein wesentlicher Bestandteil in der französischen Segelwelt.

 

 


Marseille

Mehr als jede andere Stadt an der Küste ist Marseille die Stadt der Reisenden und nicht der Urlauber. Es ist laut, hektisch, dreckig, voll und geschäftig und dennoch beeindruckend, wenn man sie näher betrachtet. Der Verkehr verstopft die Strassen, Yachten und Fischerboote drängeln sich im alten Hafen, überall brodelt das Leben der temperamentvollen Marseiller. Es war eine regelrechte Farce, bis wir einen Liegeplatz erhielten. Auch ich musste meine Zähne zeigen und das Schweizer Temperament zum Ausdrucken bringen (vergleichbar mit einem „Appenzeller Bläss“), sonst hätten wir heute noch keinen Liegeplatz in Marseille!


Für viele Leute ist Marseille die Heimat der französischen Mafia und Zentrum des Drogenhandels. Sicherlich gibt es diese Mafia heute noch, wenn auch mit sichtlich eingeschränktem Handlungsspiel- raum, wozu die Renovierung alter Stadtteile beigetragen hat. Das aufgefrischte und wieder erstarkte Marseille entwickelte sich zum kulturellen Mittelpunkt des Südens und konnte selbst die alte Rivalin Aix-en-Provence ausstechen. Wenn man auch den Rotlichtbezirk zu später Stunde meiden sollte, ist es doch in Marseille so sicher wie überall, und der Reisende kann sich hier unbeschwert umsehen.


Der Vieux Port liegt im Herzen der Marseiller Altstadt. In dieser Stadt muss man nicht ins Museum gehen, um etwas von der Geschichte dieser Hafenstadt zu erfahren. Viel aufschlussreicher ist ein Spaziergang durch die Strassen, bei dem Stimmung und Temperament von Marseille und seinen Bewohnern wirken können.

 

 


Die Reichen und Schönen

St. Tropez – Côte d’Azur

Am östlichen Küstenabschnitt der Côte d’Azur reihen sich so berühmte Namen wie St. Tropez,
St. Raphaël, Antibes, Cannes usw. wie an einer Perlenkette auf. Dementsprechend belegt und überfüllt sind die Häfen. Auch bezüglich Liegeplatzkosten müssen wir arg umdenken.


St. Tropez ist der wohl bekannteste Ort an der Côte d’Azur. Man spricht vom Treff der Reichen, der Berühmten, der Berüchtigten und der Gammler. Auch bei Künstlern ist der Ort sehr beliebt. Reiche haben wir gesehen oder besser gesagt ihre Schiffe. Brad Pitt und Brigitte Bardot haben wir nicht getroffen, wohl aber den Galerienmarkt bestaunt.


St. Tropez ist eine enge, kleine Stadt am Fusse des bewaldeten Vorgebirges, die ihren ursprünglichen Charakter mit noch ruhigen, schmalen Gassen und alten Häusern bewahrt hat. Viele der Gebäude an der Hafenzeile wurden allerdings erst nach dem Krieg und der Zerstörung durch die Deutschen gebaut, obschon man den alten Stil adaptierte.

 

Übrigens, unsere Goda Ferd erfreute sich im Norden grosser Beliebtheit. Hier an der Côte d'Azur fand sie weniger Anklang. Unser Liegeplatz war stets bei den Fischern...

 

 


Das Steuer- und Spielparadies

Das kleine, halb autonome Fürstentum Monaco mit einer Fläche von weniger als drei Quadratkilometern liegt zwischen Cap d’Ail und der Pointe de la Vieille bei Cap Martin. Oft als Spielzeug New York oder Klein-Manhattan beschrieben, sind es wirklich die Wolkenkratzer, die das Stadtbild charakteri-sieren, wenn auch davon nur die wenigsten auf monegassischem Territorium stehen.


Wir setzen aus Höflichkeit, wie im Führer vorgeschrieben, die richtige Gastflagge. An Land gelten teilweise andere Gesetze als in Frankreich und deren strikte Einhaltung wird von der Polizei erwartet. So ist es beispielsweise verboten, barfuss, mit blossem Oberkörper oder im Badeanzug auf die Strasse zu gehen oder in den Hafen einzulaufen.


Monaco ist die älteste Monarchie Europas und die einzige, in der der Herrscher allein noch das Sagen hat. Durch geschickte Politik und viel Glück konnte sich die mittelalterliche Ordnung bis heute erhalten.


Wir besichtigen selbstverständlich das Casino Monte Carlo. Es scheint, als würden alle Strassen hierher führen. Im Café de Paris beobachten wir das Geschehen und bei der Rechnungsbegleichung bleiben uns fast die Erdnüsse im Halse stecken: 28 Euro für 1 Bier, 1 Panaché, 1 Orangina und 1 Kaffee! Das Stadtgebiet ist von engen, kopfsteingepflasterten Gassen durchzogen. Das Fürstliche Palais ist dem Publikum währen den Sommermonaten zugänglich. Vom Vorplatz aus hat man einen wundervollen Blick über Fontvieille (unser Hafen) und das Meer.

 

Danis Kletterführer sagte uns auch hier ein ausgezeichnetes Klettergebiet voraus. Das wollten wir uns natürlich nicht entgehen lassen, zumal es auch eine hervorragende Ergänzung war, um raus aus der Stadt zu kommen und frische Luft zu tanken. Hier kamen alle auf ihre Kosten, was anspruchsvolles Klettern angeht (bis auf mich; nicht zu empfehlen bei Höhenangst...). Vom kleinen Dörfchen La Turbie führte uns ein kleiner Marsch zum Gebirge. Von hier aus sah man über ganz Monaco sowie das ligurische Meer – die Aussicht war grandios und absolut überwältigend. Zum zweiten Klettergebiet am späten Nachmittag führte uns ein etwas schwieriger Weg über eine Kette und andere Hindernisse hinunter zur Felswand, von wo aus man direkt auf Monaco hinunter sah und hier bot sich für versierte Sportkletterer das totale Paradies an. Für mich stellte das blosse Zusehen ein Abenteuer dar (und das Herunterkommen von diesem Gebirge...).



Das Ende unserer Reise

Mit Zwischenhalt in San Remo gelangten wir schlussendlich nach Finale Ligure. Hier mussten wir uns leider von Steppi und Dani verabschieden. Die zwei Wochen schienen uns zwar sehr intensiv und lang, dennoch war es schade, dass die gemeinsame Zeit bereits vorüber war. Die beiden haben sich sehr schnell wohl gefühlt auf unserer Goda Ferd, das freut uns sehr.

 

Wie gesagt, seit dem 9. Oktober sind wir in Finale Ligure – ein kleines Städtchen am Golf von Genua. Während der Reise haben wir immer davon geredet, das Schiff in Genua stehen zu lassen. Von hier aus haben wir nicht weit nach Hause und können so jederzeit leicht zu unserem Schiff gelangen. Eine Weiterreise wäre daher nicht sinnvoll, da Restaurationsarbeiten und wichtige Neuanschaffungen (Sponsoren sind herzlich willkommen) für unsere Goda Ferd geplant sind. Dazu kommt, dass auch hier der Herbst und die Kälte hereingebrochen sind und das Leben an Bord ungemütlich werden kann.

 

Goda Ferd findet nach langem Suchen ein Plätzchen in Alassio. Ein teures Plätzchen zwar, doch lässt unsere leere Bordkasse keine Weiterfahrt zu. Leider. Nun gehts also nach Hause, zurück in den Alltag, Job suchen, Geld verdienen und für die nächste Reise sparen. Denn spätestens im Frühling muss sie von dort weg, das wird zu kostspielig. Und dank unseren Freunden können wir Goda Ferd günstig in Kroatien liegen lassen.

 

Und so ist die nächste Reiseroute bereits bestimmt...