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Friesland

Wer nicht hören will, muss fühlen

Zurzeit stecken wir in Cuxhaven fest, ca. 20 Seemeilen westlich von Brunsbüttel. Cuxhaven liegt an der Elbe und die Elbe mündet in die Nordsee. Wir hatten schon viel über dieses heimtückische Gewässer gehört: starker Strom, oft Westwindlage und hoher Wellengang. In Brunsbüttel hat uns ein Däne angesprochen. Er segelte von Amerika über Trinidad und Venezuela hierher. Nun war er wieder auf dem Weg in die Kanaren. Doch die Elbe hat ihn „zurückgeworfen“. Er erzählte uns, dass er gegen den starken Strom und die hohen Wellen keine Chance hatte. Er sei nur noch umher geschüttelt worden und die Fahrt verlief beinahe rückwärts! Wir nahmen seine Erzählungen zwar ernst, hindern konnte es uns aber nicht, es ebenfalls zu versuchen. Das lag wohl an unserer Ungeduld, der Sonne und dem Süden endlich ein Stück näher zu kommen.

1. Juli 2004 - ein turbulenter Segeltag. Gegen Mittag liefen wir in Cuxhaven aus, laut Gezeitentafel die optimale Zeit, um mit dem ablaufenden Wasser mitzugehen. Auch die Wettervorhersage blieb relativ konstant und die 4 Windstärken sehr angenehm. Wir mussten uns konzentrieren, denn es ist sehr wichtig, hier nicht von den Fahrwasserbezeichnungen abzuweichen, sonst läuft man Gefahr, aufzulaufen und unter Umständen trocken zu fallen. Und der immense Frachtverkehr machte die Sache nicht einfacher. Es blieb nicht lange ruhig. Die Wellen wurden immer höher, der Westwind nahm ebenfalls zu und es fing an, uns mächtig durchzuschütteln. Zwei Stunden später wurde es zur regelrechten Farce: der Westwind peitschte die hohen und extrem kurz aufeinanderfolgenden Wellen auf uns zu, der Bug knallte regelrecht in die Wellen rein. Fortan spülte es uns das Wasser über unser Freibord und die Lage wurde immer unangenehmer, vor allem machten wir kaum mehr Fahrt. Unser Motor hatte gegen diese Wetterlage keine Chance. Den Wind hatten wir voll auf die Nase, so dass wir nur unter Motor dagegen ankämpfen konnten.


Aufkreuzen in diesem engen Fahrwasser und dem Frachtverkehr ist nicht empfehlenswert, man verschafft sich damit keine Freunde! Weitere zwei Stunden später sah ich nur noch einen Ausweg – zurück nach Cuxhaven. Ich war langsam erschöpft durch das ständige Ansperren an Bord, das Durchschütteln machte mich total konfus und ich sah keine Besserung auf uns zukommen. Und das über Stunden hinaus, nein danke! Und als ich das Wasser an Deck sah, das nicht mehr abfliessen konnte, die dunklen Wände am Horizont, der stark zunehmende Wind sowie dieser schreckliche Wellengang, da war für mich klar – wir müssen umkehren.

 

Den Rückweg konnten wir unter Grosssegel angehen, unter Raumkurs eigentlich richtig angenehm. Ich zweifelte bereits wieder, ob wir es nicht doch geschafft hätten und was denn wohl die Segler in Cuxhaven denken würden, wenn wir zurück kommen. Etliche Gedanken plagten mich bei der Rückkehr. Aber auch Roger sah keinen Sinn in unserem Vorhaben. Ziemlich geschafft liefen wir um 21.30 Uhr den Hafen an. Ein freundliches Holländer-Paar empfing uns als Bootsnachbarn. Sie fragten uns ganz entgeistert, ob wir denn von der Nordsee herkämen. Wir bejahten und erzählten zugleich von unserem Misserfolg. Doch statt einem Grinsen kam vollstes Verständnis rüber. Sie sassen bereits seit ein paar Tagen hier fest, weil sie wussten, bei dieser Westwindlage keine Chance zu haben. Und schliesslich wissen die beiden, wovon sie reden, denn das ist ihr üblicher Nachhauseweg. Sie klärten uns über das Phänomen Elbe auf und wir erfuhren sehr viel über dieses Gewässer und natürlich auch über Holland. Wir sahen wohl effektiv abgekämpft aus, denn die beiden übergaben uns noch die Pfannkuchen, die sie vom Nachtessen übrig hatten, dazu einen Ahornsirup, damit wir sofort was essen konnten ohne selber noch zu kochen anfangen zu müssen! Die Holländer haben wir bis jetzt als sympathische, offene, aufgestellte und grosszügige Leute kennen gelernt. Für mich sehr verwunderlich, dass die Deutschen die Holländer nicht ausstehen können. Aber das beruht auf Gegenseitigkeit, wie wir festgestellt haben. Das muss wohl noch aus früheren Zeiten der Kriege herrühren.

 

Meine ersten Zweifel, unfähig und für heftige Gewässer nicht gemacht zu sein, legten sich etwas. Doch ein weiterer Kloss im Magen war, mich am nächsten Morgen bei diesem mir noch stark in Erinnerung bleibenden mürrischen arroganten, komischen Hafenmeister zu melden! Ich seh mich schon vor dem Tresen stehen: „Hallo, da sind wir wieder!“ Doch es kam anders - aus diesem mürrischen Esel entpuppte sich ein aufgeschlossener, witziger Typ, der uns sogar ein paar Nächte im Hafen schenkte.

 

Mittlerweile sehen wir die ganze Sache locker: Im Grunde genommen ist es doch egal, wo wir sind, Hauptsache, wir sind gesund und erleben viel. Und von beidem haben wir genug! Und wenn wir es nicht bis ins Mittelmeer schaffen, geht die Welt auch nicht unter. Wir kriegen auch hier schöne und unvergessliche Erlebnisse. Schliesslich dürfen wir nicht vergessen, einfach nur dankbar darüber zu sein, dass wir diese Entscheidung getroffen haben, dem Alltag für eine Weile zu entfliehen. Wir lernen, eine andere Art von Leben zu führen und ein freier Geist zu sein. Keine Routine, keine Termine. Wir können tun, was wir wollen, anlegen, wo und solange wir möchten. Also muss es doch gar kein Reiseziel geben, denn unser grösstes Ziel verfolgen wir ja bereits.

 

Am 7. Juli ging es los – die heimtückische Elbe erwartete uns ein zweites Mal. Doch die Wettervorhersage behielt recht, so dass wir die Fahrt richtiggehend entspannt beginnen konnten. Ziel war Norderney, eine der friesischen Inseln. Der Tag blieb erstaunlicherweise ruhig. Wir hatten es total genossen. Das letzte Drittel unserer Fahrt wurde dann ziemlich ruppig – die Nordsee wollte sich wohl doch noch von der wahren Seite zeigen. Die Wellen schlugen uns zum Teil quer – eine nicht wirklich angenehme Situation bei 6-7 Windstärken und abnehmendem Hochwasser. Aber wir liessen uns nicht unterkriegen und legten abends in Norderney an.

 

Norderney – eine der friesischen Wattinseln

Wer an Friesland denkt, denkt unweigerlich auch an Wasser und beinahe unberührte Landschaften. Tatsächlich bietet diese Provinz dem Reisenden ein einzigartiges Seengebiet und Natur in Hülle und Fülle. Für Wassersportler ist Friesland zudem das Paradies schlechthin, denn die zahlreichen Binnenseen sind durch Kanäle miteinander verbunden und erlauben deshalb abwechslungsreiche Fahrten durch eine noch vielfach unberührte Natur. Auf Knien rutschen die Holländer durchs Watt und graben mit wachsender Begeisterung nach „Kokkels“, Herzmuscheln. Die Ernte dieser Tiere ist nicht nur legal, sie wird auch kommerziell betrieben. Dennoch kann man sie in Holland nicht kaufen, da sie ans Mittelmeer exportiert und dort holländischen Touristen als „Frutti di mare verkauft“ werden.


Das Watt ist ein einzigartiger Naturgarten mit einer geschützten Fauna und Flora. Seltene Wasservögel und Seehunde haben hier ihre Lebensräume. Das Betreten der Sandbänke ist strengstens verboten. Bis jetzt haben wir leider nur einen Seehund gesehen.

 

Standmastroute – Mittels Kanäle durch Holland

Einheimische Insider-Tipps haben uns zu dieser Route verholfen. Es gibt eine sogenannte Standmastroute, die von den friesischen Inseln bis hinunter nach Antwerpen (Belgien) durch die Kanäle führt, ohne den Mast legen zu müssen. Von dem holländischen Pärchen, das wir in Brunsbüttel kennen gelernt haben, bekamen wir die Karte dazu geschenkt. Sie waren jedoch nicht die einzigen, die uns diese Route empfohlen haben. Mehrere Holländer haben uns darauf hingewiesen, dass die Kanalfahrt ein einzigartiges Erlebnis sei und man dadurch viel von Holland erfahren werde. Wir schenkten ihnen allen Glauben und zogen los.


Zehntausende pilgern jedes Jahr Richtung Ijsselmeer. Es ist nicht wegen dem Wetter – es ist der Stellenwert, den das Segeln in den Niederlanden geniesst. Mit einem Boot ist man dort König. Kilometerlange Autostaus werden in Kauf genommen, wenn eine einzelne Yacht eine Passage wünscht und eine Brücke geöffnet werden muss. So wurde es uns auf jeden Fall vermittelt und wir erlebten das tatsächlich auf diese eindrückliche Art.

 

Lauwersoog bis Mounehiem


Der Insider-Tipp hat sich bewährt – die Digitalkamera lief an diesem Tag heiss. Wir hatten ständig was Sehenswertes vor dem Bug. Die Szenerie wechselt zwischen sattem Weideland, hochaufragendem Riet und idyllischen Dörfern. Zum grössten Teil liegen die Dörfer direkt am Kanal und man schaut den Bewohnern geradewegs ins Wohnzimmer. Wir waren schwer beeindruckt von dieser Kulisse und der Wohnart direkt am Kanal. Zum grössten Teil sind es lauschige ebenerdige Häuschen, meistens mit dem eigenen Bootssteg vor dem Haus und meistens steht dort dann auch ein wunderschönes Plattbodenschiff vor der Haustür und das alles total im Grünen. Etliche Seitenkanäle führen an lauschige Seen oder Dörfer. Es ist wie ein Labyrinth, man muss aufpassen, dass man nicht vom Hauptkanal abkommt, sonst landet man unter Umständen in einer Sackgasse. Oder man bleibt stecken, denn gewisse Routen können wir mit unserem Tiefgang und dem stehenden Mast nicht befahren.


Auf diesen Binnenwasserstrassen müssen etliche bewegliche Brücken passiert werden. Gemeindebrücken sind in der Regel kostenpflichtig, während Brücken der Provinz Friesland kostenlos sind. Es ist ratsam, immer genügend Kleingeld an Bord zu haben, denn sobald der Brückenwächter den an einer Angelrute be-festigten allseits bekannten, urtypischen Holzzoggeli zum passierenden Boot herunterlässt, erwartet er den entsprechenden Betrag. Anlegen kann man fast grenzenlos – an Seitenstegen inmitten von Weideland, an Seitenstegen mitten in einem Dorf, rechts und links Wohnhäuser, in kleinen lauschigen Häfen oder vor Anker in den grösseren Binnengewässern. Das Ganze dann zu einem Spotpreis oder gar gratis.


Lemmer – das Tor zum Ijsselmeer


Lemmer wird auch das Tor zu Friesland genannt, denn die Provinzgrenzen sind nur einen Steinwurf entfernt. Eine aus der Ferne sichtbare Landmarke ist der Schornstein des grössten und einzigen noch betriebsfähigen Dampfschöpfwerks weltweit. Sehenswert ist auch der prächtig restaurierte Turm der „Hervormde Kerk“. Ausserdem kann man in Lemmer noch auf die Spuren der Spanier stossen, denn bei der mittleren Zugbrücke im Ort gibt es ein Gebäude, in dem noch eine Kanonenkugel steckt. Mittels Schleuse kommt man dann ins Ijsselmeer.

Enkhuizen und Hoorn – Ijsselmeer


Es folgen weitere schöne Abstecher auf dem Ijsselmeer – Enkhuizen und Hoorn. Die idyllischen Dörfer mit Zierbrücken und alten Gebäuden aus früheren Jahrhunderten inmitten des Stadtkerns beeindrucken uns total. Und überall führen die Kanäle mitten durch die Orte; Segelschiffe und Motorboote liegen dicht aneinander gereiht an den Seitenstegen, während man von den gediegenen Cafés aus das Treiben beobachten kann.


Mittels Schleuse gelangt man hier vom Ijsselmeer ins Markenmeer, das durch einen Damm abgetrennt ist. Diese hochmoderne Schleuse, auch Navidukt genannt, wurde im April erst fertiggestellt und für den Bootsverkehr freigegeben. Der riesige Komplex aus einem Strassentunnel für den Autoverkehr und einer darüber liegenden Doppelschleuse, die zwischen dem Nord- und Südteil des Ijsselmeers eine nahezu mühelose Passage ermöglicht, ersetzt die alte „Krabbersgatsluis“, die im Sommer stets für lange Wartezeiten sorgte.

Amsterdam

Bis jetzt sind wir immer geflogen, wenn es darum ging, eine grosse Stadt wie London, Paris oder Wien zu erkunden. Dass wir mal mit dem eigenen Segelschiff direkt ins Herz von Amsterdam gelangen, hätten wir bis vor kurzem nicht geglaubt. Via Schleuse führt ein Kanal mitten ins Herzblut der holländischen Metropole. Der enge, kleine, überfüllte Hafen konnte uns von unserem Vorhaben nicht abhalten.


Ob nun mit dem Museumsboot die 20 umliegenden Museen zu besuchen oder eine Grachtenrundfahrt zu erleben – Amsterdam bietet einiges, um den Touristen die Stadt zu Gemüte zu führen. Da wir aber nicht so Fan von Führungen sind und alles lieber auf eigene Faust entdecken, haben wir uns für unsere Fahrräder als Erkundungs- und Fortbewegungsmittel entschieden. Roger war ja schon einmal in Amsterdam und legte mir nahe, dass in dieser Stadt alles und jeder Fahrrad fährt. Was mich da jedoch erwartete, war vielmehr eine Hetzjagd à la Miami Vice auf Rädern als eine gediegene Sightseeing-Rundfahrt. Die Amsterdammer fahren mit ihren rostigen Drahteseln wie die Irren, klingeln, hupen und hasten an einem vorbei, als seien sie vom Teufel geritten. Es geht etwa so zu und her wie in einer typisch italienischen Grossstadt an einem mehrspurigen Kreisel! Ganz klar die originellste und amüsanteste, aber auch nervenzerreissendste Weise, Amsterdam zu erkunden.


Da gab es nur eines: Raus aus dem Zentrum, ab in die Aussenviertel. Dort lernt man sowieso oft eine Stadt richtig kennen, wenn man sieht, wie die Leute leben und sie in ihrem gewohnten Alltag erlebt. Fasziniert haben mich die Hausboote in den Aussenbezirken und die zu Wohnhaus umfunktionierten Frachtschiffe. Statt der Ankervorrichtung stehen Blumentöpfe und das Steuermannshäuschen dient als Wintergarten!


Das Zentrum mit den Sehenswürdigkeiten haben wir dann zu Fuss erkundet, zwecks Sicherheitsmassnahmen! Spätabends folgte dann der Rundgang durch den Rotlichtbezirk, die „Rosse Buurt“, wo das älteste Gewerbe der Welt ausgeübt wird. Der Rundgang geht entlang alter Monumente und führt durch schmale Strassen, darunter der früher berüchtigte Zeedijk, auf dem damals die Seeleute nach Vergnügen suchten.


Im Internet konnte ich mich nicht lange verweilen – es befand sich in einem der Coffee-Shops! Die verschiedenen Gerüche und Düfte, die in der Luft lagen, trugen eher weniger zur Konzentration bei... Kurzum, ich beschäftigte mich lieber mit der Menukarte als mit dem Mailen...


Fazit Amsterdam: Die Stadt ist brutal hektisch, chaotisch, überaus international, high, „versieft“ und ziemlich verschmutzt. Charme fehlt dieser Stadt eindeutig. Und doch muss man das „A’dammerleben“ mal erlebt haben.

 

 

27. Juli – Vlissingen (Holland)

Wir haben Vlissingen nach einem gediegenen Tag erreicht. Von hier aus werden wir in die Nordsee stechen. Die „Kanalhupferei“ ist vorbei und Wetterbeobachtung/-beurteilung, Navigation und lange Schläge bestimmen fortan wieder unseren Weg. Die Reise durch die Strasse von Dover und Golf von Biskaya beginnt.