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Daenemark

Wir stechen in See


12. Mai 2004

Hier beginnt unsere eigentliche Segelreise. Wir waren zugegeben leicht nervös, die Freude darauf jedoch überwog alles. Unser erstes Ziel war Marstal (DK). Welcher Ostseesegler hat nicht schon von Aeroskobing oder Marstal gehört, geschwärmt oder seinen Kurs geändert, um nur mal eben reinzuschauen, ob diese windschiefen Häuser noch schiefer gewor-den sind, oder das Winerbrod noch immer so gut bei der Bäckerei schmeckt. Die Insel Aero ist eine Perle für sich.


Eine Laune der Natur liess den Kleinen-Belt-Gletscher während der letzten Eiszeit von Südosten nach Nordwesten wandern und die typisch lang geschweiften Hügeln und weiten Senken der Insel modellieren. Wälder findet man auf Aero bis auf einige Neuanpflanzungen kaum (ein lauschiges Lagerfeuer bei Sonnenuntergang fällt hier aus). Der Schiffbau spielt bis heute für die Bewohner Aeros eine bedeutende Rolle.


Unser Segelführer behielt recht – Marstal hinterliess auch bei uns Eindruck. Die wirklich typisch windschiefen Riegelhäuser eng aneinandergereiht und überall führt einen das Kopfsteinpflaster durch die engen Gässchen. Vorhänge kennen die Dänen nicht. Überall hat man Einblick in die Stube! Aber an jedem Fenster stehen haufenweise Töpfchen und Vasen mit Blumen und Kräutern, die einem den ultimativen Einblick doch verwehren.


Einen Tag später sitzen wir bereits fest aufgrund der Starkwinde, die über die Region fegen. Wir beschlossen, uns diesem Abenteuer noch nicht auszusetzen, nicht bereits am 2. Segeltag, und verwendeten die Zeit mit Studium an Bord. Auch das gehört schliesslich dazu. Und wir wollen die Sache langsam angehen, weil wir das Schiff auch erst noch richtig kennen lernen müssen.


Insel Lyo

Mit 5 Windstärken kamen wir gut voran und erreichten ziemlich bald die Insel Lyo. Da wir vergangenen Sommer bereits hier ankerten, wussten wir, dass diese landschaftlich schöne und abwechslungsreiche Insel südlich Fünens unbedingt einen 2. Abstecher wert ist. Das malerische Dorf mit seinen schmucken, weiss getünchten Fachwerkhäusern und den schwarz geteerten Balken sowie dem Dorfteich gehört zu den besterhaltendsten in Südfünen. Vor Anker geniesst man hier das Alleinsein, vor allem bei Nebensaison.


Diesmal blieb uns jedoch beides verwehrt – sowohl der Landgang als auch das ruhige Ankerliegen! Mit zunehmender Windstärke pretschten die Wellen über die Bucht. Eine Dinghi-Fahrt (zurzeit ohne Aussenborder, da defekt) war unmöglich aufgrund der starken Strömung und mittlerweile blies es bereits 7 Beaufort, böeig gar 8. Zudem ist in diesem Fall das Verlassen des Schiffes nicht ratsam, um nicht bei der Rückkehr plötzlich das Boot abtreiben sehen oder auf dem Trockenen am Strand zu entdecken! Die Nacht verbrachten wir entsprechend unruhig und Ankerwachen waren unabdingbar. Ich tat kein Auge zu und hoffte insgeheim nur noch, dass die beiden Anker wirklich festsitzen. Sie taten es. Der nächste Tag verbrachten wir wiederum mit Studium an Bord und Karten spielen. Der Wind wollte einfach nicht nachlassen, im Gegenteil. Wir hätten aufkreuzen oder unter Motor gegen den Wind ankämpfen können, um ans nächste Ziel zu gelangen, doch unseres Erachtens brachte das nichts. Wir haben Zeit. Ein Wermutstropfen gab es aber doch noch: tagsüber besuchten uns Delphine in der Bucht, nur gerade mal ein paar Meter von uns entfernt. Ein immer wieder aufregendes Erlebnis, diese Tiere in ihrer gewohnten Umgebung, in ihrer Freiheit, zu erleben.


Faldsled, Helnaes Bugt

Rund um diese landschaftlich vielseitige, historisch bedeutsame Bucht gibt es viel zu erleben. Schon die Steinzeitmenschen siedelten dort und hinterliessen Hünengräber. Später entdeckten die Wikinger diesen guten Lebensraum, schufen eine technologisch hoch entwickelte Schiffssperre zwischen Helnaes Bugt, Horsehoved und Faldsled, um sich vor Überraschungsangriffen zu sichern.


Haderslev, Jütland

Das bisher grösste Highlight auf See. Der schmale, 7 sm lange Haderslev Fjord schlängelt sich durch Ackerland, Wiesenflächen und vereinzelt kleine Waldgebiete. Nur wenige kleine Gehöfte begeg-nen einem und diese wohnen dann effektiv wie im Paradies. Hätte meine Digitalkamera ein Motor, er hätte bestimmt gerochen! Diese beschauliche Landschaft hat uns total fasziniert. Haderslev ist die grösste Stadt Nordschleswigs mit 31'000 Einwohnern und hat viel zu bieten.


Auch hier bleiben wir einen weiteren Tag, nicht aber, weil ich aus dem Einkaufsfieber nicht mehr rauskomme, nein, vielmehr bescheren uns erneut Starkwinde (und das sogar im Hafen!) einen Ruhetag. Das scheint hier oben zur Gewohnheit zu werden! Ich hoffe nicht. Momentan wehen heftige Stürme bei Skagerrak und Kattegat und wir spüren die Ausläufer davon. Wir nützen die Chance, um ein paar neue Kontakte zu knüpfen. 2 ältere deutsche Paare gönnen sich ebenfalls eine Auszeit und segeln durch Dänemark und Schweden. Von ihnen erfahren wir einiges über Gebiet und Seglerei im allgemeinen.

Heute ist Grosseinkauf angesagt – eine Sache für sich, dieser Grosseinkauf! Beide bepackt mit dem Tramperrucksack stiefeln wir Richtung Supermarkt. Wie zwei voll beladene Packesel geht’s wieder heimwärts. Von hinten sieht man bei mir nur noch zwei paddelnde Beinchen und ein Rucksack! Roger, voll beladen mit schweren Utensilien, sieht aus wie der schiefe Turm von Pisa! Ich denk mir während dem Gehen nur noch, jetzt einfach keine Rücklage bekommen, sonst liegst du flach auf dem Rücken, zappelnd mit den Beinchen wie ein Maikäfer! Ein tolles Bild, das wir zwei wohl abgeben. Fast beim Boot angekommen, entdeckt man in der hinteren Strassenecke einen weiteren Supermarkt, während wir uns durch die ganze Stadt abmühten! Und ich dachte, ich würde den Sport zu Hause vermissen.


Fredericia, Kolby Kas, Insel Samsö


Die vergangenen Tage waren sehr anstrengend, was das Segeln betrifft. Bei 6-7 Beaufort strebten wir unsere nächsten Ziele an. Und wie könnte es hier oben anders sein, wir liegen wieder einmal fest, weil die Winde noch mehr zunehmen. Haben eine Radtour gemacht und die Insel SamsØ abgeklappert. Auch hier erfahren wir die atemberaubende Welt der Natur in Dänemark.


Odden, Insel Seeland


Es scheint, als folge uns der liebe Windgott auf Schritt und Tritt! Weiterhin mit 7 Windstärken geht es zur nächsten Insel, Seeland genannt. Ich frag mich oft, ist das hier oben normal, dieser Wind, oder ziehen wir das einfach an? Na ja egal, wir gewöhnen uns langsam aber sich daran, obwohl es auf diese Weise sehr anstrengende Segeltage sind. Dieter, das wär ein Segelrevier für dich: viel Natur, viele Ankerbuchten und viel Wind!


Kopenhagen und Roskilde

Mit Bus und Bahn ging es ins Herz Dänemarks – nach Kopenhagen. In dieser interessanten und wunderschönen Stadt haben wir uns fast die Füsse wund gelaufen. Hier ist brutal viel los, Shopping bis zum Abwinken und für Kunst und Kultur-Fans ein absolutes Muss! Auch der idyllische Hafen inmitten der Stadt, Nyhavn genannt, bleibt uns stets in Erinnerung. Auf der Heimreise klapperten wir den bekannten Ort Roskilde ab. Ok, ehrlich gesagt, Roger zuliebe, denn dort steht das Wikinger-museum. Ich bin nun völlig up to date, was die Wikingerszeit betrifft! Normalerweise bringt man mich in kein Museum, aber dieses Mal hat es sich gelohnt. Wir haben viele wichtige Dinge über die damalige Zeit erfahren und konnten unser Geschichts-Know-how aufbessern. Roskilde ist auch sonst ein herziges Städtchen. Weil die Hotels und Hostels so teuer sind in Dänemark (sogar ne Jugendherberge kostet 50 Franken pro Nacht/Person!), haben wir uns nach einem Camping umgesehen. Wir fanden einen absolut gigantischen Campingplatz direkt am Fjord, wo wir eine kleine gediegene Hütte mieten konnten. Der lange Marsch zu Fuss hatte sich also gelohnt (wieder einmal kein vernünftiges Busnetz, nichts Neues hier oben).


Übrigens, falls ihr Probleme mit dem Sparen habt, lasst euch unbedingt Tipps von den Deutschen geben. Die sind unglaublich! Wir haben viele Deutsche kennen gelernt und bei denen geht es stets nur ums Geld. Man geht zum Beispiel zu zweit unter die Dusche, weil man für das Duschen bezahlen muss. Oder man hat ne Brotbackmaschine und backt genügend Brot, wenn man im Hafen ist (Strom vom Hafen). Oder man kauft sich ne Sodamaschine, holt ständig Wasser vom Hafen, kocht das Wasser ab und hat so kostenlos zu trinken! Absoluter Wahnsinn, ich könnte ein Buch schreiben unter dem Titel: Mit Deutschland gratis auf Reisen! Einer hat sogar alles vorgekocht zuhause und eingelegt. Ein Teil der Tipps sind ja schön und gut, doch man kann alles übertreiben. Irgendwo hat es Grenzen und schliesslich ist man ja auf Reisen, also will man ja auch etwas von Land und Leute kennen lernen.

 

Glück im Unglück


Den 8. Juni 2004 werden wir wohl nicht so schnell vergessen. Ich denke sogar, er wird uns ewig in Erinnerung bleiben. 04.30 Uhr hiess es Tagwach! Wir wollten einen grösseren Segelschlag in Angriff nehmen. 05.45 Uhr liefen wir aus. Ruppige See und wieder mal 6-7 Windstärken erwarteten uns draussen. Unser Ziel – Ebeltoft. Gegen 20 Uhr abends hatten wir die grosse Einfahrt vor uns. Wir freuten uns, nach einem langen, anstrengenden Segeltag das Ziel zu Gesicht zu bekommen.


Dann entdeckten wir sogar noch ein paar Delphine, die aus dem Wasser sprangen. Wir beobach-teten sie mit grosser Freude. Doch plötzlich ein Ruck, wir schauten auf das Echolot und hoppla, hier hatte es nur noch 1,6 m – unser Tiefgang 1.55 m! Aufgehetzt hielten wir sofort Kurs vom Land weg. Wir spöttelten und meinten noch, hier könnte man hervorragend ankern! Ehe wir uns versahen – der zweite Ruck. Doch dieses Mal half nichts mehr, wir konnten Gas geben, wie wir wollten, wir steckten fest! Wir steckten auf dem Sandgrund fest! Unser Langkieler hatte sich wunderbar festgefahren! Vor lauter Begeisterung über die Delphine und Entspannung, weil wir das Ziel vor Augen hielten, hatten wir für ein paar Sekunden die Navigation vernachlässigt. Und das war jetzt der Preis dafür. Roger sattelte sofort das Dinghi (Schlauchboot) und Gott sei Dank hatten wir in Aalborg noch den Aussenborder repariert, während ich mich an Bord mit unserem Schiffsmotor probierte. Mit zwei Motoren versuchten wir uns unter aller Anstrengung aus dem Sand heraus zu manövrieren. Wir liessen nichts unversucht und unsere Motoren rauchten. Dann plötzlich ein dumpfes Geräusch und der Schiffsmotor stand still. Da kam doch tatsächlich vor lauter Aufregung auch noch die Leine vom Dinghi in die Motorschraube! Uns blieb an diesem Tag nichts erspart. Kurze Zeit später stand Roger im Neopren-Anzug und mit dem Messer bereit, sich in das 10-Grad kalte Wasser zu begeben! Zitternd vor Kälte kam er nach einer halben Stunde wieder an Bord, in der Hand die zerrissene Leine – dank Roger lief der Motor wieder.


Die Show konnte erneut beginnen. Und endlich, wir spürten, dass sich das Boot bewegte und Fahrt aufnahm. Roger schrie nur noch, achte nicht auf mich, fahr jetzt einfach Richtung Fahrwassermitte, ich komm schon zurecht. Super, da sass ich nun also alleine auf dem Schiff, während Roger im kleinen Dinghi sass. Die Dunkelheit brach langsam ein und ich gebe zu, ich fühlte mich nicht wirklich pudelwohl. Die Freude hielt nicht lange an, ich spürte wieder einen Ruck und merkte schnell, dass wir erneut festsassen. Es war ein regelrechter Teufelskreis, in dem wir uns befanden. Ok, dieser Teufelskreis heisst ganz einfach „Sandbank“! Anhand der Karte handelte es sich lediglich um ein paar Meter, die wir von der Betonnung entfernt waren und beim zweiten Standort konnte es schlicht unmöglich sein, dass wir festsitzen. Aber wir taten es. Der Grund kann ein Tidenschub, der Westwind oder die lausige Kontrolle der Verantwortlichen sein. Doch das nützte uns in diesem Moment herzlich wenig.


Wir gaben nicht auf und warteten den nächsten Tidenschub ab, indem das Wasser wieder höher stand. Und siehe da, endlich kamen wir frei. Um 3.30 Uhr nahmen wir Fahrt Richtung Hafeneinfahrt auf. Die Beleuchtung der Ansteuerungstonnen sind in Ebeltoft mehr als fahrlässig, eine regelrechte Zumutung sogar. Und eine der wichtigsten Ansteuerungstonnen war gar nicht beleuchtet! In der Nacht praktisch unmöglich, hier einzulaufen. Hochkonzentriert nahmen wir die letzten Meilen auf uns. 4.30 Uhr, 24 Stunden später legten wir an und sanken total erschöpft in die Bettlaken.


Das Fazit: Es war auf der einen Seite ganz klar ein Navigationsfehler von uns. Von jetzt an nehmen wir die Navigation nicht mehr auf die leichte Schulter. Auf der anderen Seite muss die Hafenmeisterei von Ebeltoft die Fahrwasserbetonnung eindeutig sichtbarer setzen und die Untiefen vermehrter kontrollieren, denn diese waren zum Teil ganz klar in der von ihnen grün angegebenen Zone. Vor allem, weil Ebeltoft sehr häufig von Touristen angelaufen wird und nicht nur von Einheimischen.

 

 

Ebeltoft

Nichts desto trotz: Die Strapazen haben sich gelohnt. Die Stadt im Süden der jütischen „Nase“ besitzt grossen Charme: Die schöne Bebauung im Dorfkern, die typisch windschiefen alten Häuser aus früheren Jahrhunderten, die engen Gässchen, das Hinterhaus, indem Lakritze hergestellt wird und die schmucken Cafés. Was Ebeltoft darüber hinaus interessant macht, sind die mittlerweile rekonstruierte Fregatte „Jylland“, das Glasmuseum und der beeindruckende Windmühlenpark am Fährhafen. Leider waren wir zu spät dran und die Besichtigung der Fregatte war nicht mehr möglich.


Insel Aebelo

Der natürliche Reiz dieser unberührten und unbewohnten Insel zieht jedermann an. Schon von weitem erkennt der Seefahrer den dunklen, hohen Hügel, der vor der Nordküste von Fünen aus dem Kleinen Belt ragt. In der Tat ist Aebelo eine kostbare Inselperle, an der man nicht vorbei eilen sollte. Der Segelführer behielt auch hier wieder einmal Recht. Diese Idylle, die diese Insel vermittelt, ist atemberaubend. Pflanzen- und Tierkenner sowie Gesteinsfans à la Näfli werden dabei schnell die Besonderheiten Aebelos erkennen. Vor Anker geniessen wir die Stille und die Ruhe. Dann geht’s mit dem Dinghi und den Grillutensilien Richtung Ufer. Wir schlendern genüsslich dem Ufer entlang und suchen uns das beste Plätzchen zum Grillen aus. Leider habe ich zu dünne Würstchen gekauft, so dass sie ständig vom Ast in die Glut fallen, aber was solls, kohlepaniert schmecken sie auch gut. Es ist herrlich, mausebeinallein am Ufer zu sitzen, die Aussicht und die Natur zu geniessen und sein Boot als Winzling aus der Vogelperspektive zu betrachten. Ein traumhafter Abend, der sich zum Kraft auftanken anbot.

 

 

Fazit Dänemark

Bestimmt war es dieser Kontrast, der uns reizte. Wer will, kann in Kopenhagen grossartig shoppen, in Sonderborg, Svendborg, Haderslev oder anderen Kleinstädten Kunst geniessen oder in Roskilde den Spuren der Wikinger folgen. Wer einfach nur relaxen und die Natur geniessen will, gibt sich schlicht dieser weiten traumhaften Landschaft und den zahlreichen Inseln hin. Übrigens, die Dänen sind sportlich ungemein aktiv. Kaum einer, der nicht wandert oder radelt, sich dem Windsurfen aussetzt oder in aller Ruhe in einem der zahllosen Gewässer angelt.


Was uns auch imponiert hat, ist die Toleranz und Unkompliziertheit der Dänen. Grosszügigkeit wird gross geschrieben, niemand wird ausgegrenzt. So haben es zumindest wir erlebt. Sehr viel stärker als in den meisten anderen Ländern wird etwa auf Behinderte Rücksicht genommen, werden Bauten ihren Bedürfnissen angepasst.

Wer es etwas süsser mag, betrete eine „bageri“. Dort erwarten einen weniger die grossen Obst- und Sahnetorten als vielmehr viele kleine, unendlich süsse, leckere Teilchen. Oder aber das berühmte Blätterteiggebäck „wienerbrod“. Selbst ich als Anti-Süss-Feinschmecker habe diese Köstlichkeiten lieb gewonnen.