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Ostseeregion

5. April 2004

 

Die Reise kann endlich beginnen! Nach kurzer Verabschiedung bei beiden Eltern fuhren wir mit voll bepacktem und beladenem Auto los. Unser Kombi sah aus, als hätten wir ihn wie pubertierende Jungs tiefer gelegt und verbreitert! Doch das lag natürlich an unserem Gepäck! Im Auto befanden sich ein Aussenborder-Motor, Benzinkanister, Gasflaschen und –behälter, 2 demontierte Fahrräder, Bücher, Werkzeuge, Tramperrucksäcke und vieles mehr! Auf dem Dach hatten wir den Grossbaum befestigt. Mit leicht mulmigen Gefühl versteht sich, fuhren wir Richtung Zoll.


Der Zöllner wollte selbstverständlich wissen, was wir denn vorhaben. Roger wusste nichts Besseres zu antworten, als dass wir unser Schiff gleich hier um die Ecke am Bodensee hätten und jetzt über Ostern etwas daran rumbasteln! Toll, mir drehte sich innerlich der ganze Magen um 180 Grad! Wenn er jetzt die Schiffs- und Hafenpapiere verlangt, kriegen wir mächtige Probleme... Aber das Glück stand auf unserer Seite – er winkte uns durch.


12. April 2004


Inzwischen ist eine Woche vergangen und wir fühlen uns hier schon wie zu Hause. Die ersten zwei Nächte haben wir im Boot verbracht. Leicht durchgefroren erwachten wir jeweils morgens... Seit Mittwoch wohnen wir in einem kleinen Appartement (zu einem Spotpreis!!), weil die Bootsar-beiten ein Leben auf dem Boot unmöglich machen. Zudem können wir so selber kochen (bis die Küche an Bord fertiggestellt ist) und somit günstiger leben. Es ist ein kleines Appartement im 11. Stock eines Hochhauses, das zum Hafengelände gehört, mit einer kleinen Küche, das Bett im Wohnzimmer und der Fernseher ist so gross wie die kleinste Mikrowelle!


Aber TV gehört eh bald der Vergangenheit an... grins. Im Bad hängt der Schimmelpilz an den Wänden und Strom, also Heizung, gibt es nur über Nacht, da es hier oben günstiger ist, über Nacht zu heizen, als tagsüber! Stellt euch einfach eine typische Ostblockwohnung vor! Der Ausblick jedoch von hier oben macht alles wieder wett – der Blick geht zum Hafen, zum Winterlager, wo unsere Goda Ferd steht und weit zum Meer hinaus! Am Abend sitzt du auf dem Stuhl oder Bett und geniesst den unbeschreiblichen Weitblick, kannst die Frachter beobachten, die in Kiel ein- und ausfahren oder die hartnäckigen Segler, die hier anscheinend wind- und wetterfest sind oder du entspannst einfach bei der wunderschönen Abendstimmung mit Blick aufs weite Meer...


In unserem Schiff ist der Backofen und die Kühlbox bereits eingebaut, jetzt kommt das WC dran. Es wird ein kleines Lavabo mit Wasserzugang eingebaut. Roger ist vollumfänglich mit Bootsarbeiten eingedeckt, während ich für das leibliche Wohl sorge, in der Gegend rumfahre, um die nötigen Hilfsmittel zu besorgen, diverse Abklärungen treffe, Bücher studiere und natürlich versuche ich auch, ihm handwerklich behilflich zu sein (mit Betonung auf versuchen...).


Auf dem Hafengelände ist man nie allein. Irgendwie gehört das hier oben dazu, man schraubt und bastelt gemächlich an seinem Boot rum, haltet ein paar Schwätzchen mit dem Nachbar ab und geniesst die paar Stunden abseits von allem. Wir haben bereits nette Bekanntschaften gemacht und geniessen ein paar Vorzüge des ulkigen Schweizerpaares unter all den Einheimischen. Jeder hilft jedem, das ist hier oben tatsächlich noch Brauch.

 

 


19. April 2004


Die Wochen verfliegen hier wie im Fluge. Inzwischen haben wir das Unterwasserschiff geschliffen und gestrichen und das Freibord glänzt auch wieder in schönem Weiss. Das WC mit fliessendem Wasser ist auch fertig und die Tanks sind ebenfalls wieder eingebaut und angeschlossen. Doch die Liste ist noch lang...


Heute ist der erste Tag, an dem es regnet. Bis jetzt hatten wir wirklich Glück – jeden Tag Sonnenschein und angenehme Temperaturen (bis auf die ersten beiden Tage, bzw. Nächte...). Gestern hatten wir sogar an die 20 Grad! Es scheint, als stünde unsere Reise unter einem guten Stern... Doch nicht immer klappt alles nach Plan. Oft kommt man an seine Grenzen, wenn irgendetwas wieder mal nicht funktioniert und man es sich einfach nicht erklären kann.


Es ist für uns ein zum Teil total neues, gar fremdes Gebiet, das es zu erlernen gilt. Langsam aber sicher tasten wir uns an die Sache ran. Das Ganze hat aber auch was Gutes – man lernt stets dazu und vor allem lernen wir die ganzen Hintergründe und Zusammenhänge eines Schiffes kennen. Und das bringt wiederum mehr Sicherheit an Bord.

30. April 2004

In den letzten beiden Wochen hat die Goda Ferd weiter an Gestalt angenommen; vieles, was noch auf der Pendenzenliste stand, konnte gestrichen werden. Wir sind im Endspurt, es stehen nur noch einige Details an. Das alles tönt ziemlich einfach und man müsste meinen, man hätte noch genügend Zeit, um die Freizeit zu geniessen. Doch das ist ein absoluter Trugschluss! Ab und zu genossen wir den Sonnenuntergang unten am Hafen oder am Strand, für grosse Sprünge waren wir effektiv zu müde.

Die Arbeit draussen schlaucht einen total. Dazu kommt, dass die ganze Vorarbeit sehr nervenaufreibend und streng war, vieles hat nicht auf Anhieb geklappt und fast täglich kamen wir an unsere Grenzen und mussten nach neuen Lösungsvorschlägen suchen oder improvisieren. Eine Berg- und Talbahn zwischen der Frage „lohnt sich dieser Aufwand wirklich“ und „warum wirft man uns solche Steine in den Weg“. Eine wirklich zermürbende und an die Grenzen stossende Zeit liegt hinter uns. Wir hoffen, das hat uns gestärkt und wir können gelassen unsere Reise beginnen. Auf jeden Fall haben wir einiges dazugelernt, soviel steht fest.


Wir sind gespannt, was da noch alles auf uns zukommen wird. Eines kann ich jetzt schon sagen: Kein Tag wird wie der andere! Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass unsere Reise unter diesem Stern steht...

Über die Ostseeregion


Das Arbeiten sieht an der Ostsee sehr entspannend und vernünftig aus! Stellt euch den Süden vor: Einer ist am Werk, zwei schauen zu! Und vor allem geht alles in einem gemächlichen Tempo vor sich – eines nach dem anderen, so lautet hier oben das Motto! Wir sind für die Norddeutschen absolute Wahnsinnige, wenn sie uns von frühmorgens bis spätabends beobachten. Schon mancher hat über uns geschmunzelt und gemeint, wir seien verrückt.


Tja, die wissen nicht, dass wir uns dieses Tempo gewohnt sind. Diese Mentalität gilt auch für die Ladenöffnungszeiten – vor 9.30 Uhr öffnet kein Geschäft und kein Restaurant. Um 9 Uhr ist die Stadt Kiel noch wie tot. Und jeder hat seine eigenen Öffnungszeiten – da gibt es keine Regel.


Die Preise für Lebensmittel sind wirklich erstaunlich: Das Fleisch kostet die Hälfte, oft sogar noch weniger, was es bei uns kostet und auch die übrigen Nahrungsmittel sind enorm günstiger als bei uns. Oft stehe ich an der Kasse und denke, die hat was falsch getippt. Man muss aber auch beachten, dass der Lebensstandard hier oben nicht wirklich hoch ist. Die Leute verdienen sehr viel weniger als bei uns und geben nicht viel aus. Man lebt sehr einfach, legt keinen Wert auf Äusseres und versucht, möglichst alles selber zu machen oder zu reparieren. Im Baumarkt zum Beispiel trifft man die halbe Bevölkerung an!


Die Spezialitäten sind ganz klar Fisch. Dieser wird traditionell bei der Fischbude gekauft und zwar in Form von Fischbrötchen. Diese sind gefüllt mit Bismarkhering, Matjes, Seelachs, Krabben, Räucheraal oder andere Köstlichkeiten, dazu Sauce, Salatblatt und natürlich Zwiebeln! Aber man bekommt auch frischen Fisch vom Fischer frühmorgens oder etliche Sorten geräuchert.


Was das Kaffeetrinken angeht, so sind die „Nordströmler“ absolute Kulturbanausen: Am liebsten trinken sie nämlich löslichen Kaffee. Hier im Hafengelände hat es eine gemütliche Imbissbude, Dolce Vita genannt. Die Besitzerin ist eine Italienerin in unserem Alter und ist mit einem Ostfriesen verheiratet. Über die Sommersaison führt sie hier die Bude und wir sind mittlerweile ihre Stammkunden, wenn wir uns ‚ne kurze Pause mit Tee und Kaffee gönnen. Von ihr wissen wir, dass die Einheimischen den Kaffee aus Verträglichkeit lieber löslich trinken.


Wir kamen nur darauf, weil wir es komisch fanden, denn wir hatten die Kaffeemaschine schon längst entdeckt! So läuft sie nur für uns und vielleicht für ein paar weitere echte Kaffeegeniesser.


Zu einem richtigen Ostseefritze gehört die typisch blaue Seemannskappe, der blaue Matrosenmantel und entweder ein Boot oder ein Fahrrad! Da es an der Ostsee praktisch überall flach ist, ist es traumhaft, mit dem Fahrrad am Meer entlang zu düsen. Und das tun auch die meisten, in der Regel mit alten verrosteten Vehikeln! Oder man hat eben ein Boot. Für den Norddeutschen hat das Schiff eine ganz andere Bedeutung als für uns.


Hier stehen die Boote nicht die ganze Saison unberührt im Hafen. Nein, hier wird das Boot gehegt und gepflegt und nimmt einen grossen Teil der Freizeit in Anspruch. Man geniesst zusammen dieselbe Leidenschaft und jeder erzählt sein eigenes Seemannsgarn.